Architektur

Im demografischen Wandel

Architektur und Wohnungsbau orientieren sich fast durchgängig vor allem an den Anforderungen und Ansprüchen jüngerer, gesunder, im Arbeitsleben stehender Erwachsener und vernachlässigen damit häufig die Bedürfnisse von Kindern genauso wie die von älteren Menschen.

Altersgerechte BadarchitekturIst hingegen von Architektur und Wohnungsbau im Zeichen des demografischen Wandels die Rede, konzentriert sich das Denken in der Regel auf die Wohnungsversorgung der Älteren. 

Im Gegensatz zu den vielfältigen Lebensperspektiven, die das Älterwerden beinhaltet, sind die dabei entstehenden Altersbilder allerdings deutlich weniger ausdifferenziert und werden der Heterogenität des Alters kaum gerecht. Zumeist wird dieser Lebensabschnitt unter polarisierenden Perspektiven betrachtet – das junge und aktive Dasein im Gegensatz zum Defizitmodell, nach dem Altern vor allem Verlust, Hinfälligkeit und Krankheit bedeutet - Lifestyle Living gegen Barrierefreiheit.

Ein solcher Blick auf das Wohnen im Alter verkennt jedoch, dass mit der steigenden Zahl der Älteren nicht in gleicher Weise die Zahl derjenigen steigt, die altersbedingt einschränkt sind. Die demografische Alterung bewirkt in den Einzelbiografien einen Zugewinn an gesunden, rüstigen Jahren. Alterung bedeutet dann vorrangig die Verlängerung der Zeit potentiell aktiver Teilnahme am Leben und nicht die dramatische Ausdehnung einer Phase von Gebrechlichkeit und Hinfälligkeit. Dass Barrierefreiheit trotzdem hilfreich und dringend erforderlich ist, steht außer Zweifel. Vorrangig sind aber dennoch eine Architektur und ein Wohnungsbau, die Kommunikation und Kooperation im Alltag für weitgehend gesunde und aktive ältere Menschen – aber eben nicht nur für sie – ermöglichen. Und das wiederum ist nicht nur ein Problem technisch realisierbarer Barrierefreiheit oder gar technisch perfektionierter, mit entsprechenden Hilfen ausgestatteter Wohnungen. Was fehlt, ist eine Dimension, die die technische Funktionsfähigkeit in Maßen zwar voraussetzt, aber deutlich über diese hinausgeht, eine Dimension, die sich aus einem kulturellen Wandel erschließt, in den der demografische Wandel eingebettet ist, ein Wandel vom Können zum Sein¹. 

Wer also versteht, dass es die Form des Alters, wie wir Sie heute verstehen, früher nicht gab und es in Zukunft wahrscheinlich auch nicht geben wird, weil das Alter ein Ergebnis gesammelter Lebenserfahrungen darstellt und diese sich generationenspezifisch ändern, der sollte aus heutiger Sicht "gute Badarchitektur" wie folgt verstehen:

Gute Badarchitektur ist kein Selbstzweck. Sie entspricht in ihrer Ausformung vielmehr menschlichen Bedürfnissen in jeder Lebensphase. Das heißt, es geht nicht nur um schönes Design, sondern um Räume, die den aktuellen Bedürfnissen der Menschen gerecht werden müssen und in angemessener Weise zu erwartende Entwicklungen berücksichtigen sollen.

Dabei machen technische und wirtschaftliche Anforderungen sowie zunehmende Herausforderungen an eine Ressourcen schonende Nutzung unserer Lebensräume die Planung und Errichtung von Bädern immer komplexer.

Neben der Bewältigung technischer, ökologischer und ökonomischer Anforderungen gilt es, den mit dem demografischen Wandel einhergehenden Gesellschaftsverschiebungen planerisch gerecht zu werden. Das heißt für die Planerinnen und Planer, dass sie mit innovativen Konzepten demografiefeste Badarchitektur schaffen müssen. Ob man dabei die Anpassung des Wohnumfelds an entsprechende Bedürfnisse nun „barrierefreies Wohnen“ oder „barrierefreies Leben“ nennt, ist nicht von Bedeutung. Wichtig ist nur, dass man letztlich höchstmöglichen Wohnkomfort und Lebensqualität für alle dort Lebenden schafft.

¹ Schulze, Gerhard, Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde, Frankfurt/Main 2008

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